HOME SWEET HOME – eine besondere Kunstsammlung in der Stadt Mülheim

Das Jahresthema 2023 des Mülheimer Kunstvereins KKRR inspiriert bereits Monate vor dem Start – die Ständige Sammlung des jungen Museums MMKM in der Ruhrstraße 3 wächst stetig.

Jetzt konnte ein Originalwerk des in Mülheim an der Ruhr geborenen Künstlers Hermann Haber in die Ständige Sammlung des MMKM aufgenommen werden – es stammte aus der Sammlung des damaligen Schreibwarenhändlers (später Leserladen) des Mülheimers Hugo Tischler an der Eppinghoferstraße 11 (heute Forum).

Hermann Haber – Leinpfad an der Ruhr – 43 x 50 cm, Pastell auf Zeichenkarton – Ständige Sammlung des MMKM Museum Moderne Kunst Mülheim an der Ruhr(straße 3)

Schaut man im Web nach, wird man schnell mit der Biographie des Meisters fündig, die wir hier zitieren möchten.

„Geschrieben von: Barbara Kaufhold und Klaus Geldmacher
Erstellt: 19. Juni 2015

Hermann Haber (1885–1942)

Hermann Isaak Haber wird am 26. November 1885 in Mülheim an der Ruhr geboren. Sein Vater Josef Haber (geboren 1855, aus Russland eingewandert und eingebürgert) heiratet 1884 die Mülheimerin Fanny Abraham, genannt Thalmann (geboren 1846). Trotz ihres Alters, sie ist fast 40 Jahre, gebärt sie drei Kinder. Hermann ist der Älteste; sein Bruder Albert wird 1887 geboren, die Schwester Karoline (geboren 1890) stirbt bereits im Kleinkindalter. Josef Haber zeugt mit einem Dienstmädchen 1896 die uneheliche Tochter Sybille. Diese lebt ab 1925 mit der Familie Haber im Haus Delle 19, in dem Hermann auch sein Atelier hat und Sybille einen Kunsthandel führt.

Hermann Haber studiert an der Königlich Preußischen Kunstakademie in Düsseldorf. Bereits als 19-Jähriger findet er Beachtung: Seine Zeichnung „Der Steintisch auf dem Broicher Mühlenberge“ wird 1904 im Buch „Königin Luise von Preußen“ im Leipziger Seemann-Verlag veröffentlicht; das Original erwirbt Robert Rheinen, der Gründer des Mülheimer Museums.

Haber legt seinen Schwerpunkt zunächst auf die Porträtkunst. Im Centralhallen-Theater bemalt er Wände des Künstler-Cafés mit Bildnissen der Bühnenkünstler. Das Haus der jüdischen Gemeinde sollen zwei Haber-Werke geschmückt haben; eines zeigt einen tanzenden Rabbi. Vom Verkauf seiner Gemälde kann Haber offensichtlich nicht leben. Einem Kohlenhändler gibt er drei Bilder für Heizkohlen; ein Juwelier tauscht ein Schmuckstück gegen das Pastell „Angler an der Schloßbrücke“.

Herrmann Haber
Pastell „Angler an der Schloßbrücke“ von Hermann Haber (Foto: Archiv)

Hermann Haber verdient sein Geld vor allem mit humorvollen Karikaturen für Zeitungen. In den Jahren 1925 bis 1929 erscheinen in der Mülheimer Zeitung insgesamt mehr als 150 Karikaturen, Zeichnungen und Illustrationen. Ende 1929 erhält Hermann Haber aber bemerkenswerte Anerkennung als Künstler. Seine Werke werden in der von Museumsdirektor Kruse konzipierten Jahresausstellung gezeigt, gemeinsam mit bekannten Künstlern wie Otto Pankok, Heinrich Siepmann, Werner Gilles. Unter der Schlagzeile „Überraschungsfreuden im Städtischen Museum – Die große Weihnachtsschau Mülheimer Künstler“ heißt es in der Mülheimer Zeitung: „Zu den Bedeutenden auf der Ausstellung gehört Hermann Haber […] An sich ist Haber wohl der Vielseitigste unter den Mülheimer Malern […] So viel Charakteristisches und mit dem Blick des echten Satirikers erforschtes Wesentliches wohnt [den Tuschskizzen] inne.“

Zur gleichen Zeit werden allerdings seine satirischen Zeichnungen in der Mülheimer Zeitung nur noch vereinzelt veröffentlicht. Umso wichtiger werden Reklameaufträge. Bald nach dem Tod seiner Mutter zieht Hermann 1931 zu seiner Freundin Hildegard Meyer (geboren 1901) in deren Elternhaus. Hier residiert auch die Firma „Lichtenberg & Stern“. Deren Zeitungsinserat wirbt mit einer Zeichnung von Haber für Ratenzahlung, gegen die es damals in Deutschland Vorurteile gab. Die nationalsozialistische Propaganda machte sich das mit Verleumdungskampagnen gegen „jüdische Wucherer“ zunutze.

Herrmann Haber

Die letzte in der Mülheimer Zeitung veröffentlichte Zeichnung Habers galt 1933 der „Mülheimer Nothilfe“, einer städtischen Spendenaktion, die in der Wirtschaftskrise ins Leben gerufen worden war, um in Not geratene Mülheimer zu unterstützen. Ein Hilfsaufruf, gestaltet vom selbst in Bedrängnis geratenen Haber.

Hermann Haber war aber – was auch seine Karikaturen vermitteln – guten Mutes, kein Pessimist. Sonst hätte er Deutschland wohl eher verlassen. Sein Malerkollege Heinrich Siepmann charakterisiert ihn viele Jahrzehnte später: „Hermann Haber war eigentlich eine komische Figur, ein lustiger Kerl. Er war ein Original. Dass er Jude war, ist mir erst später bewusst geworden. Er hatte an der Düsseldorfer Akademie studiert und machte schöne Pastelle, die in Mülheim gut ankamen […] Aber Haber hatte immer noch nicht gemerkt, dass die Nazis hinter ihm her waren. Ich habe ihm immer gesagt: „Menschenskind, hau doch ab, du siehst doch, was hier los ist!“

Hermann Haber ist 48 Jahre alt, als er sich in einem fremden Land eine neue Existenz aufbauen muss. Aus Amsterdam meldet er sich am 9. Oktober 1933 per Postkarte bei einem Mülheimer Sammler: „Nun bin ich schon 14 Tage in Holland und habe hier ein hübsches kleines Atelier gemietet“. Und Ende Dezember sendet er Heinrich Siepmann „die besten Wünsche zum Neuen Jahr. Warum schreibt Ihr Brüder nicht mal was Ihr anfangt?“

Habers Freundin Hilde Meyer ist mit ihm in die Niederlande gegangen und vermutlich auch deren Schwester Bertha. Sie finden Zuflucht bei der Familie Boterenbrood in Amsterdam. Nach vier Jahren im Exil heiraten Hermann und Hilde. Haber soll in Holland als Künstler Erfolg gehabt, in Amsterdam, Rotterdam, Den Haag, den USA ausgestellt und auch Bilder verkauft haben, wie sein Malerkollege Willi Schreiber gegenüber der Mülheimer Museumsdirektorin Denecke später in einem Brief behauptet.

Habers Neffe, Professor Joachim Meyer (1957 in Mülheim an der Ruhr geboren, seit 1973 in Israel), meint aus Anlass einer in Mülheim veranstalteten „Hommage an Herman Haber“ 2009 zurückblickend: „Hermann Haber war ein Name, den wir kannten. Unser Vater, Arthur Meyer, hat ihn erwähnt, öfter sogar als meisten anderen Namen in der Familie. Unsere Verbindung zu Hermann Haber besteht durch Hilde, die Schwester unseres Vaters. Sie war seit Ende der 20er Jahre Hermann Habers Freundin. Nachdem die Großmutter, Julie Meyer (geborene Kaufmann), im Jahre 1931 verstorben war, ist Hermann zu Hilde (oder richtiger, den Geschwistern Meyer) in die Charlottenstrasse 11 gezogen […] Wie war das mit Bertha, der ältesten Schwester (geboren 1892)? Sie hat wohl mit Hilde gelebt, hat nie geheiratet, und angeblich hatte sie irgendwelche (vielleicht psychiatrische) Probleme, die sie von einem unabhängigen Leben abhielten. Sie ist wohl mit Hilde und Hermann nach Holland gegangen […] Angeblich wollten alle in die USA gehen, wo schon Grete, die dritte Schwester, mit ihrem Mann lebte. Aber wenn Bertha nicht selbstständig war, war es wohl sehr schwer, für sie ein Visum zubekommen. Haben Hermann und Hilde vor der Frage gestanden, ob sie sich selber retten sollen, oder ob sie mit Bertha in Holland bleiben sollen, was immer das bedeuten würde?

Herrmann Haber

Vermutlich Ende 1941 werden Hermann und Hildegard Haber in Rotterdam verhaftet, in das Durchgangslager Westerbork gebracht, dann nach Auschwitz deportiert und mit Datum 28. September 1942 offiziell für tot erklärt.

Autoren: Dr. Barbara Kaufhold und Klaus Geldmacher

Literatur

Barbara Kaufhold „Erinnerungen werden wach“, Klartext Verlag, Essen 2002

Barbara Kaufhold „Juden in Mülheim an der Ruhr“, Klartext Verlag, Essen 2004

Klaus Geldmacher „Hermann Haber“, Jahrbuch 2010 der Stadt Mülheim an der Ruhr“ Zitatende

Über das Jahresprogramm 2023 hier der Link zur Webseite „HOME SWEET (AT) HOME IN EUROPE

Prov. via Anja Wakup – Walter u. Hugo Leiter (Umfeld Kuhlendahl)

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