Zitate des Tages: Künstlers Apotheose – Drama von Goethe

Künstlers Apotheose – Drama von Goethe

Es wird eine prächtige Gemäldegalerie vorgestellt. Die Bilder aller Schulen hängen in breiten goldenen Rahmen. Es gehen mehrere Personen auf und ab. An einer Seite sitzt ein Schüler und ist beschäftigt, ein Bild zu kopieren.

 

Aufnahme der Mülheimer Ruhrgalerie im September 2016 - Wikipedia Foto: Dat Doris - Galerie.Ruhr - KunstQuartier.Ruhr

Aufnahme der Mülheimer Ruhrgalerie im September 2016 – Wikipedia Foto: Dat Doris – Galerie.Ruhr – KunstQuartier.Ruhr

Schüler (indem er aufsteht, Palette und Pinsel auf den Stuhl legt und dahinter tritt).
Da sitz’ ich hier schon tagelang,
Mir wird’s so schwül, mir wird’s so bang,
Ich male zu und streiche zu
Und sehe kaum mehr, was ich tu’.
Gezeichnet ist es durchs Quadrat;
Die Farben, nach des Meisters Rat,
So gut mein Aug’ sie sehen mag,
Ahm’ ich nach meinem Uster nach;
Und wenn ich dann nicht weiter kann,
Steh’ ich wie ein genestelter Mann
Und sehe hin und sehe her,
Als ob’s getan mit Sehen wär’;
Ich stehe hinter meinem Stuhl
Und schwitze wie im Schwefelpfuhl –
Und dennoch wird zu meiner Qual
Nie die Kopie Original.
Was dort ein freies Leben hat,
Das ist hier trocken, steif und matt;
Was reizend steht und sitzt und geht,
Ist hier gewunden und gedreht;
Was dort durchsichtig glänzt und glüht,
Hier wie ein alter Topf aussieht;
Und überall es mir gebricht
Als nur am guten Willen nicht,
Und bin nur eben mehr gequält,
Dass ich recht sehe, was mir fehlt.

Ein Meister (tritt hinzu).
Mein Sohn, das hast du wohl gemacht,
Mit Fleiß das Bild zustand’ gebracht!
Du siehst, wie wahr ich stets gesagt:
Je mehr als sich ein Künstler plagt,
Je mehr er sich zum Fließe zwingt,
Um desto mehr es ihm gelingt.
Drum übe dich nur Tag für Tag,
Und du wirst sehn, was das vermag!
Dadurch wird jeder Zweck erreicht,
Dadurch wird manches Schwere leicht,
Und nach und nach kommt der Verstand
Unmittelbar dir in die Hand.

Schüler.
Ihr seid zu gut und sagt mir nicht,
Was alles diesem Bild gebricht.

Meister.
Ich sehe nur mit Freuden an,
Was du, mein Sohn, bisher getan.
Ich weiß, dass du dich selber treibst,
Nicht gern auf einer Stufe bleibst.
Will hier und da noch was gebrechen,
Wollen wir’s ein andermal besprechen. 
(Entfernt sich.)

Schüler (das Bild ansehend).
Ich habe weder Ruh’ noch Rast,
Bis ich die Kunst erst recht gefasst.

Ein Liebhaber (tritt zu ihm).
Mein Herr, mir ist verwunderlich,
Dass Sie hier Ihre Zeit verschwenden
Und auf dem rechten Wege sich
Schnurstracks an die Natur nicht wenden;
Denn die Natur ist aller Meister Meister!
Sie zeigt uns erst den Geist der Geister,
Lässt uns den Geist der Körper sehn,
Lehrt jedes Geheimnis uns verstehn.
Ich bitte, lassen Sie sich raten!
Was hilft es, immer fremden Taten
Mit größter Sorgfalt nach zu gehn?
Sie sind nicht auf der rechten Spur;
Natur, mein Herr! Natur! Natur!

Schüler.
Man hat es mir schon oft gesagt.
Ich habe kühn mich dran gewagt;
Es war mir stets ein großes Fest.
Auch ist mir dies und jen’s geglückt;
Doch öfters ward ich mit Protest,
Mit Scham und Schande weggeschickt.
Kaum wag’ ich es ein andermal;
Es ist nur Zeit, die man verliert:
Die Blätter sind zu kolossal
Und ihre Schrift gar seltsam abbreviert.

Liebhaber (sich weg wendend).
Nun seh’ ich schon das Wo und Wie;
Der gute Mensch hat kein Genie!

Schüler (sich niedersetzend).
Mich dünkt, noch hab’ ich nichts getan;
Ich muss ein andermal noch dran.

Ein zweiter Meister (tritt zu ihm, sieht seine Arbeit an und wendet sich um, ohne etwas zu sagen).

Schüler.
Ich bitt’ Euch, geht so stumm nicht fort
Und sagt mir wenigstens ein Wort.
Ich weiß, Ihr seid ein kluger Mann,
Ihr könntet meinen Wunsch am allerersten stillen.
Verdien’ ich’s nicht durch alles, was ich kann,
Verdien’ ich’s wenigstens durch meinen guten Willen.

Meister.
Ich sehe, was du tust, was du getan,
Bewundernd halb und halb voll Mitleid an.
Du scheinst zum Künstler mir geboren,
Hast weislich keine Zeit verloren:
Du fühlst die tiefe Leidenschaft,
Mit frohem Aug’ die herrlichen Gestalten
Der schönen Welt begierig festzuhalten;
Du übst die angeborne Kraft,
Mit schneller Hand bequem dich auszudrücken;
Es glückt dir schon und wird noch besser glücken,
Allein –

Schüler.
Verhehlt mir nichts!

Meister.
Allein du übst die Hand,
Du übst den Blick, nun üb’ auch den Verstand.
Dem glücklichsten Genie wird’s kaum einmal gelingen,
Sich durch Natur und durch Instinkt allein
Zum Ungemeinen aufzuschwingen:
Die Kunst bleibt Kunst! Wer sie nicht durchgedacht,
Der darf sich keinen Künstler nennen;
Hier hilft das Tappen nichts; eh’ man was Gutes macht,
Muss man es erst recht sicher kennen.

Schüler.
Ich weiß es wohl, man kann mit Aug’ und Hand
An die Natur, an gute Meister gehen;
Allein, o Meister, der Verstand,
Der übt sich nur mit Leuten, die verstehen.
Es ist nicht schön, für sich allein
Und nicht für andre mit zu sorgen:
Ihr könntet vielen nützlich sein,
Und warum bleibt Ihr so verborgen?

Meister.
Man hat’s bequemer heutzutag’,
Als unter meine Zucht sich zu bequemen:
Das Lied, das ich so gerne singen mag,
Das mag nicht jeder gern vernehmen.

Schüler.
O sagt mir nur, ob ich zu tadeln bin,
Dass ich mir diesen Mann zum Muster auserkoren?

(Er deutet auf das Bild, das er kopiert hat.)

Dass ich mich ganz in ihn verloren?
Ist es Verlust, ist es Gewinn,
Dass ich allein an ihm mich nur ergötze,
Ihn weit vor allen andern schätze,
Als gegenwärtig ihn und als lebendig leibe,
Mich stets nach ihm und seinen Werken übe?

Meister.
Ich tadl’ es nicht, weil er fürtrefflich ist;
Ich tadl’ es nicht, weil du ein Jüngling bist:
Ein Jüngling muss die Flügel regen,
In Lieb’ und Hass gewaltsam sich bewegen.
Der Mann ist vielfach groß, den du dir auserwählt,
Du kannst dich lang an seinen Werken üben;
Nur lerne bald erkennen, was ihm fehlt:
Man muss die Kunst und nicht das Muster lieben.

Schüler.
Ich sähe nimmer mich an seinen Bildern satt,
Wenn ich mich Tag für Tag damit beschäft’gen sollte.

Meister.
Erkenne, Freund, was er geleistet hat,
Und dann erkenne, was er leisten wollte:
Dann wird er dir erst nützlich sein,
Du wirst nicht alles neben ihm vergessen.
Die Tugend wohnt in keinem Mann allein;
Die Kunst hat nie ein Mensch allein besessen.

Schüler.
So redet nur auch mehr davon!

Meister.
Ein andermal, mein lieber Sohn.

Galerie-Inspektor (tritt zu ihnen).
Der heut’ge Tag ist uns gesegnet!
O, welch ein schönes Glück begegnet!
Es wird ein neues Bild gebracht,
So köstlich, als ich keins gedacht.

Meister.
Von wem?

Schüler.
Sagt an, es ahnet mir.

(Auf das Bild zeigend, das er kopiert.)

Von diesem?
Inspektor.
Ja, von diesem hier.

Schüler.
Wird endlich doch mein Wunsch erfüllt!
Die heiße Sehnsucht wird gestillt!
Wo ist es? Lasst mich eilig gehen.

Inspektor.
Ihr werdet’s bald hier oben sehn.
So köstlich, als es ist gemalt,
So teuer hat’s der Fürst bezahlt.

Gemäldehändler (tritt auf).
Nun kann die Galerie doch sagen,
Dass sie ein einzig Bild besitzt.
Man wird einmal in unsern Tagen
Erkennen, wie ein Fürst die Künste liebt und schützt.
Es wird sogleich herauf getragen;
Es wird erstaunen, wer’s erblickt.
Mir ist in meinem ganzen leben
Noch nie ein solcher Fund geglückt.
Mich schmerzt es fast, es wegzugeben:
Das viele Gold, das ich begehrt,
Erreicht noch lange nicht den Wert.

(Man bringt das Bild der Venus Urania herein und setzt es auf eine Staffelei.)

Hier! Wie es aus der Erbschaft kam,
Noch ohne Firnis, ohne Rahm.
Hier braucht es keine Kunst noch List.
Seht, wie es wohl erhalten ist!

(Alle versammeln sich davor.)

Erster Meister.
Welch eine Praktik zeigt sich hier!

Zweiter Meister.
Das Bild, wie ist es überdacht!

Schüler.
Die Eingeweide brennen mir!

Liebhaber.
Wie göttlich ist das Bild gemacht!

Händler.
In seiner trefflichsten Manier.

Inspektor.
Der goldne Rahm wird schon gebracht.
Geschwind herbei! Geschwind herein!
Der Prinz wird bald im Saale sein.

(Das Bild wird in den Rahmen befestiget und wieder aufgestellt.)

Der Prinz (tritt auf und besieht das Gemälde).
Das Bild hat einen großen Wert;
Empfanget hier, was Ihr begehrt.

Der Kassier (hebt den Beutel mit den Zechinen auf den Tisch und seufzet).

Händler (zum Kassier).
Ich prüfe sie erst durchs Gewicht.

Kassier (aufzählend).
Es steht bei Euch, doch zweifelt nicht!

Der Fürst steht vor dem Bilde, die andern in einiger Entfernung. Der Plafond eröffnet sich, die Muse, den Künstler an der Hand führend, auf einer Wolke.

Künstler.
Wohin, o Freundin, führst du mich?

Muse.
Sieh nieder und erkenne dich!
Dies ist der Schauplatz deiner Ehre.

Künstler.
Ich fühle nur den Druck der Atmosphäre.

Muse.
Sieh nur herab! Es ist ein Werk von dir,
Das jedes andre neben sich verdunkelt
Und zwischen vielen Sternen hier
Als wie ein Stern der ersten Größe funkelt.
Sieh, was dein Werk für einen Eindruck macht,
Das du in deinen reinsten Stunden
Aus deinem Innern selbst empfunden,
Mit Maß und Weisheit durchgedacht,
Mit stillem, treuem Fleiß vollbracht!
Sieh, wie noch selbst die Meister lernen!
Ein kluger Fürst, er steht entzückt,
Er fühlt sich im Besitz von diesem Schatz beglückt;
Er geht und kommt und kann sich nicht entfernen.
Sieh diesen Jüngling, wie er glüht,
Da er auf deine Tafel sieht!
In seinem Auge glänzt das herzliche Verlangen,
Von deinem Geist den Einfluss zu empfangen.
So wirkt mit Macht der edle Mann
Jahrhunderte auf seinesgleichen:
Denn, was er guter Mensch erreichen kann,
Ist nicht im engen Raum des Lebens zu erreichen.
Drum lebt er auch nach seinem Tode fort
Und ist so wirksam, als er lebte;
Die gute Tat, das schöne Wort,
Es strebt unsterblich, wie er sterblich strebte.
So lebst auch du durch ungemessne Zeit.
Genieße die Unsterblichkeit!

Künstler.
Erkenn’ ich doch, was mir im kurzen Leben
Zeus für ein schönes Glück gegeben,
Und was er mir in dieser Stunde schenkt!
Doch er vergebe mir, wenn dieser Blick mich kränkt.
Wie ein verliebter junger Mann
Unmöglich doch den Göttern danken kann,
Wenn seine Liebste fern und eingeschlossen weint;
Wer wagt es, ihn beglückt zu nennen?
Und wird er wohl sich trösten können,
Weil eine Sonne ihn und sie bescheint?
So hab’ ich stets entbehren müssen,
Was meinen Werken nun so reichlich widerfährt;
Was hilft’s, o Freundin, mir, zu wissen,
Dass man mich nun bezahlet und verehrt?
O, hätt’ ich manchmal nur das Gold besessen,
Das diesen Rahm jetzt übermäßig schmückt,
Mit Weib und Kind mich herzlich satt zu essen:
War ich zufrieden und beglückt.
Ein Freund, der sich mit mir ergötzte,
Ein Fürst, der die Talente schätzte,
Sie haben leider mir gefehlt;
Im Kloster fand ich dumpfe Gönner:
So hab’ ich emsig, ohne Kenner
Und ohne Schüler mich gequält. –

(Hinab auf den Schüler deutend.)

Und willst du diesen jungen Mann,
Wie er’s verdient, dereinst erheben,
So bitt’ ich, ihm bei seinem Leben,
Solang er selbst noch kaun und küssen kann,
Das Nötige zur rechten Zeit zu geben!
Er fühlte froh, dass ihn die Muse liebt,
Wenn leicht und still die frohen Tage fließen.
Die Ehre, die mich nun im Himmel selbst betrübt,
Lass ihn dereinst, wie mich, doch freudiger genießen!

 

Anmerkung:

Apo·the·o̱·se

Substantiv [die]

geh.
  1. Vergöttlichung einer Person.
    „die Apotheose des Homer“

 

alexander

Galerieleitung GadR = Galerie an der Ruhr

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